Das graue Wunder

"Mit viel Geduld ans Ziel: Stefan Frank und der indische Elefantenbulle Shenka."

Von Markus Moll

„Vorwärts, Shenka“, ruft der Tierlehrer. Gerade hat er das mit einem Seil abgegrenzte Freigehege des mächtigen Elefantenbullen geöffnet. Shenka, der 44 Jahre alte Inder mit den riesigen Stoßzähnen, hört aufs Wort und trabt aus seinem „Paddock“ heraus. Zwischen zwei Circuswagen beginnt er zu grasen. Die Szene ist wie ein kleines Wunder. Schließlich gelten Elefantenbullen als extrem schwierig, kaum dressierbar, werden in Zoos unter verstärkten Sicherheitsvorkehrungen gehalten.

„Bei uns ist das anders“, erklärt „Mahout“ Stefan Frank. „Shenka läuft meistens ganz frei auf dem Zirkusplatz umher“ – in diesem Fall auf einer großen Wiese im Gewerbegebiet Würzburg-Ost. Hier gastiert das kleine Familien-Unternehmen Alberti „Heute hat Shenka aber schon zu viel frisches Gras gefressen, deswegen musste er ins Gehege – sonst könnte er eine Eiweißvergiftung bekommen“, setzt er hinzu. Auf der abgegrenzten Fläche vor Shenkas Transport- und Schlafwagen wächst nämlich kaum etwas. Die Tür des Wagens steht offen. „Wenn Shenka seine Ruhe haben will, geht er da hinein“, sagt Frank. Der Elefant habe sogar gelernt, selbst die Türe zu öffnen und zu schließen.

Nicht einmal nachts oder bei der Körperpflege werde Shenka an den Füßen angebunden. „Das mache ich nur gelegentlich mal für eine halbe Stunde: Shenka muss wissen, wer der Boss ist; und er muss das Anbinden kennen, falls ich zum Beispiel einmal ins Krankenhaus muss und nicht da sein kann“, erklärt Frank. Während sich der Reporter und der Tierlehrer unterhalten, ist Shenka hinter den Circuswagen verschwunden. Dabei soll der graue Riese doch aufs Foto. „Komm zurück, Shenka“, ruft Stefan Frank laut. Schnurstracks kehrt er zurück. Auf ein Kommando hebt er den Rüssel und posiert mit Frank fürs Foto, auf ein anderes wird er später eine Metallstange aufheben und tragen. Die Verständigung zwischen Trainer und Tier läuft über Worte. „Ich brauche keinen Elefantenhaken“, stellt Frank klar. Das bringe nichts: „Wenn man die benutzt, reagieren die Tiere nicht mehr auf die mündlichen Kommandos, sondern warten meistens, bis man das Gerät benutzt“.


Freilich komme solch ein Verhältnis nicht über Nacht. „Am Anfang habe ich es gemacht, wie alle anderen – ich kannte das auch nicht anders. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es auch ohne den Haken funktioniert. Das geht aber alles nur, weil ich viel, viel Zeit mit diesem Tier verbracht habe“. Frank hat mit 16 Jahren die Pflege des jungen Shenka übernommen, heute ist der Tierlehrer 54. Shenka hat, wie erwähnt, zehn Jahre weniger auf dem behaarten Buckel. „Wir waren sieben Brüder, und anfangs haben wir uns gemeinsam um Shenka gekümmert. Aber er hat einen nach dem anderen nicht mehr an sich herangelassen, bis nur noch ich übrig war“, erinnert sich Stefan Frank. „Seitdem habe ich keinen Urlaub mehr machen können, keinen freien Sonntag gehabt. Auch wenn die restliche Familie zu Hochzeiten und Geburtstagen gefahren ist, bin ich bei dem Elefanten geblieben“. Bereut hat Frank den Einsatz nie. „Ich weiß ja, dass ich mit diesem Tier etwas geleistet habe, was sonst keiner geschafft hat“, meint Frank.

Er glaube auch nicht daran, dass mit Gewalt bei der Dressur etwas zu erreichen ist. „Viel wichtiger ist es, eine gewisse Abhängigkeit zu erzeugen – indem man dem Tier selbst Futter bringt, es tränkt und putzt. Es kommt also darauf an, möglichst viel Kontakt zu haben. Und ein solches Verhältnis kann nicht entstehen, wenn die Pfleger wechseln, wenn sich ständig zehn verschiedene Leute um das Tier kümmern“. Frank und Shenka sind seit fast vier Jahrzehnten ein Team.Vom berüchtigten „Weben“, dem andauernden Hin- und Herbewegen des Kopfes, ist bei Shenka auf der Wiese vor Würzburg nichts zu bemerken an diesem Sonntagnachmittag im April. „Das Tier ist so ausgeglichen, weil es viel Abwechslung hat“, ist Frank überzeugt. Shenka trete nicht nur täglich in der Manege auf, sondern helfe auch beim Auf- und Abbau des Circus mit, trage etwa Zeltstangen umher. Außerdem besuche Stefan Frank mit dem Rüsselträger regelmäßig Schulen, um für die Alberti-Gastspiele zu werben, oder er geht einfach mit Shenka spazieren.

„Haben Sie schon einmal gehört, dass man mit einem anderen Elefantenbullen auf die Straße gehen kann? Früher, als Shenka noch jünger war, sind wir bis zu fünf Stunden lang draußen unterwegs gewesen, nach der Abendvorstellung waren wir oft bis Mitternacht weg“, berichtet Frank. Keine Langeweile, kein Weben – die Formel scheint einfach.„Nur an den Reisetagen ist Shenka manchmal etwas unruhig“, erklärt Frank. „Deshalb fahre ich den Transporter meistens noch am Abend nach der letzten Vorstellung in die neue Stadt, damit er morgens gleich wieder aus dem Wagen kann. Das ist auch für mich besser, denn um so ausgeglichener der Elefant ist, desto besser hört er auf mich“. Die gute Pflege wird auch ihren Teil zur Zufriedenheit beitragen: „Ich wasche Shenka sehr viel, normalerweise dreimal am Tag mit Wasser und Bürste“, berichtet Frank. Das sei gut für die Elefantenhaut. Enorm wichtig sei auch die Fußpflege: „Man muss aufpassen, dass sich keine Druckstellen bilden und sich keine Steine festtreten – die meisten Elefanten gehen an Fußerkrankungen ein“. Shenka allerdings ist auch mit 44 Jahren noch gesund und munter. Im Manegenrund trägt er die kleine Lesley, die ihm später sogar den Kopf ins Maul steckt. Er macht Kopfstand, läuft auf drei Beinen, legt sich hin. Stefan Frank beobachtet die Tricks mehr im Hintergrund, als dass er eingreift – sichtlich stolz und mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht.

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Fotos: © Markus Moll